| Veranstaltung: | Landesparteitag S-H April 2025 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | Anna Maria Ehlers (KV Lübeck) |
| Status: | Zurückgezogen (unsichtbar) |
| Angelegt: | 04.03.2025, 08:28 |
Gute Personalstrukturpolitik für Gute Wissenschaft in Schleswig-Holstein
Antragstext
Wir setzen uns als Landesverband Bündnis 90/Die Grünen für eine Steigerung der
Entfristungsquote von Beschäftigungsverhältnissen in wissenschaftlichen
Institutionen (Erhöhung der ‚Strukturstellenquote‘) ein. Hierzu streben wir eine
durchschnittliche Steigerung der Strukturstellenquote auf Landesebene um 30 % an
– bei einer vorliegenden Quote von 30% würde dies eine Steigerung auf 39%
bedeuten. Nach Festlegung einer gemeinsamen Berechnungsgrundlage, soll diese
Steigerung soll innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten der
Zielvereinbarungen ab 2027 erreicht sein. Gleichzeitig erhalten wir die
Qualifizierungsaufgabe der Wissenschaft durch die befristete Promotion und
ermöglichen die Durchführung von drittmittelfinanzierter Forschung auch mit zum
Teil befristeten Arbeitsverträgen.
Die Steigerung der Strukturstellenquote schließt explizit das gesamte
wissenschaftlich-künstlerische Personal von Universitäten, Hochschulen für
Angewandte Wissenschaften, Kunsthochschulen, und außer-universitären
Forschungseinrichtungen ein. Um eine langfristige Festschreibung bestehender
Ungleichheiten zu verhindern, muss die Steigerung der Strukturstellenquote mit
den Diversitätsstrategien der wissenschaftlichen Institutionen zusammengedacht
werden. Die Steigerung der Strukturstellenquote soll insbesondere dazu
beitragen, diese Probleme im Wissenschaftssystem in SH zu adressieren: 1) Mangel
an Diversität durch fehlende Planbarkeit, 2) strukturelle Verhinderung von
Mitgestaltung und Kritik, 3) strukturelle Verhinderung von langfristiger und
risikoreicher Forschung, 4) Verlust von Expertise, und 5) strukturelle
Ermöglichung von Machtmissbrauch. Im gesamten Prozess muss den besonderen
Bedarfen der jeweiligen wissenschaftlichen Institution Rechnung getragen werden,
so dass auf Landesebene eine durchschnittliche Steigerung von 30% erreicht wird.
Es ist zu berücksichtigen, dass ein solcher Strukturwandel ein hochkomplexer
Prozess, der von jeder einzelnen Institution große Anstrengung erfordert.
Begründung
Die Steigerung von unbefristeten Strukturstellen sind unsere politische Antwort auf die berechtigte Kritik von #IchBinHanna und #IchBinReyhan am jetzigen Ausmaß von befristeten Arbeitsverträgen in der Wissenschaft, insbesondere im Postdoc-Bereich. Dieses Ausmaß an Befristungen steht einer guten und gesellschaftlich relevanten Wissenschaft in Schleswig-Holstein aufgrund der Förderung folgender Probleme entgegen (im Positionspapier weitergehend ausgeführt):
- Mangel an Diversität
Kettenbefristungen führen zu mangelnder Planbarkeit von Karrierewegen und so zu sinkender Attraktivität der Wissenschaft als Arbeitsumfeld. Fehlende Planbarkeit schließt verschiedene Personengruppen, wie z.B. Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status und/oder mit Kindern, teilweise vom System Wissenschaft aus. Dies führt zu einem Mangel an Diversität der angestellten Wissenschaftler*innen, die aber zur Abbildung der Gesamtgesellschaft von Nöten ist.
- Strukturelle Verhinderung von Mitgestaltung und Kritik
Exzellente Forschung, Erkenntnistransfer und Demokratieförderung aus den akademischen Institutionen heraus benötigt eine vielfältige Mitgestaltung und daraus resultierend eine starke Stimme des akademischen Mittelbaus. Allerdings senken Kettenbefristungen zum einen die Motivation sich aktiv an der akademischen und strukturellen Mitgestaltung zu beteiligen. Zum anderen führt dies zu einer verstärkten Abhängigkeit von Vorgesetzten. Denn wer macht kontroverse Vorschläge zur Ausrichtung von Forschungsthemen, wenn der Folgevertrag vom Wohlwollen der Vorgesetzten abhängt?
- Strukturelle Verhinderung von langfristiger und risikoreicher Forschung
Der akademische Mittelbau ist geprägt von Kettenbefristungen und der Notwendigkeit, schnelles Renommee zu erlangen. Diese Umstände drängen Postdocs dazu, sich auf risikominimierte Forschung zu fokussieren. Zudem beschränkt dies den Aufbau einer unabhängigen Forschungsausrichtung.
- Verlust von Expertise
Oft verlassen Postdocs bereits nach zwei bis drei Jahren die Institution. Zu diesem Zeitpunkt sind gerade in die Organisationsstrukturen integriert und sind als Ansprechpersonen sichtbar geworden. Das führt zu einem Verlust von Fachkompetenz und insbesondere der Wirksamkeit von Fachkompetenz durch Einbettung in Organisationsstrukturen.
- Strukturelle Ermöglichung von Machtmissbrauch
Das Machtgefälle innerhalb der Wissenschaft - vor allem zwischen Vorgesetzten (häufig Professor*innen) und dem akademischen Mittelbau – begünstigt Machtmissbrauch. Das wird durch Kettenbefristungen noch weiter verschärft.
Eine Steigerung von Strukturstellen stellt sich diesen Problemen systematisch und entschlossen entgegen.
Auf zwei Fragen zur Notwendigkeit eines Beschlusses möchten wir explizit eingehen:
- Warum sind landespolitische Regelungen notwendig und kann eine Veränderung nicht aus der Wissenschaft heraus gestaltet werden, wenn die Steigerung der Strukturstellenquote so wichtig ist?
Die Schaffung von Strukturstellen mithilfe verantwortungsbewusster Landespolitik ermöglicht eine Korrektur des unverhältnismäßigen Machtgefälles in der Wissenschaft und kann so, teilweise, eine Machtverschiebung von Professor*innen zum akademischen Mittelbau forcieren. Außerdem kann ein landespolitischer Rahmen Sicherheit bei der Vergabe von unbefristeten Strukturstellen geben, da Vereinbarungen zur Risikoübernahme ausgehandelt werden können. Innerhalb dieses politischen Rahmens muss die Autonomie der Wissenschaft gewahrt bleiben. Daher sprechen wir uns entschieden gegen eine Festschreibung von konkreten Stellenprofilen aus.
- Sollte die Problemlage nicht über eine Reform des Wissenschafts-Zeit-Vertrags-Gesetzes (WissZeitVG) auf Bundesebene adressiert werden?
Das Wissenschafts-Zeit-Vertrags-Gesetz regelt gesetzlich mögliche Befristungen jenseits des Teilzeit-Befristungs-Gesetzes. Unabhängig von den Regelungen im Wissenschafts-Zeit-Vertrags-Gesetz können Entfristungsregelungen auf Landesebene getroffen werden. Nach dem Subsidiaritätsprinzip ist die Personalstruktur im Wissenschaftssystem Ländersache.
Bei Interesse stehen über diese Begründung hinaus zur Verfügung weitere Ausführungen zur Verfügung:
- das Positionspapier der LAG Bildung vom 26.11.2024 (Link: )
- Antragsteller*innen als Ansprechpersonen
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